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Warum Netzwerke so wertvoll sind

Wir alle haben bereits ein Netzwerk – meist bestehend aus Freunden, Kolleginnen, Verwandtschaft, Nachbarn, den Frauen und Männern im Sportverein. Doch nutzen wir dies auch alle so, wie wir könnten?

Fast einen Monat habe ich letztens gebraucht, bis mir der Name wieder einfiel: Svenja Grabow. Die Frau, die vor ein paar Jahren bei einer Stammtischrunde meines Uniorchesters ja fast nebensächlich erwähnte, sie würde in der Fernsehproduktion arbeiten und bei bestehendem Interesse meinerseits gerne einen Praktikumsplatz für mich schaffen. Ich war höchst erstaunt und zugleich sehr begeistert.

Zu dem Praktikum kam es aber nie. Erst kam ich nicht zur nächsten Probe, den darauffolgenden Montag war Svenja dann krank… und ach, bei Facebook noch einmal nachfragen war mir vier Wochen später dann unangenehm. Warum zum Henker, denke ich heute. Warum war mir das unangenehm? War ich zu schüchtern? Zu bequem? Oder dachte ich, ich müsste ihr im Gegenzug ein mindestens genauso tolles Angebot unterbreiten? Wohl alles zusammen.

Heute lasse ich so spannende und interessante Gelegenheiten nicht mehr einfach an mir vorbeiziehen. Bei Rundmails und Newslettern scrolle ich als erstes nach unten zu den angekündigten Veranstaltungen und nehme viele Gelegenheiten wahr, neue Leute und deren aufregende Lebensgeschichten kennenzulernen.

Doch – bevor jetzt alle losrennen um fleißig neue Bekanntschaften zu machen – nicht allein die Größe des eigenen Netzwerkes ist relevant. Selbstverständlich kann ich in einer Gruppe mit hundert Leuten auf mehr „Ressourcen“, mehr Fähigkeiten und Kontakte zugreifen als in einer Gruppe, die nur aus drei Personen besteht. Aber am Ende zählt nicht nur die Zahl der Facebook-Freunde.

Wichtig ist nämlich erst einmal auch, das eigene, vorhandene Netzwerk richtig zu nutzen. Das heißt nicht, dass ich meine freien Abende nur noch auf Cocktailpartys, Stammtischen, Networking-Veranstaltungen meiner Firma oder Vernissagen verbringen muss. Nein. Auch nicht, dass ich jeden neu kennengelernten Menschen gleich nach seinem Lebenslauf fragen sollte.

Selbst den Stein ins Rollen bringen

Ich sollte mich nicht umschauen und fragen, wer könnte mir später einmal nützlich sein, von wessen Kontakten könnte ich profitieren, sondern viel mehr umgekehrt schauen, wem ich selbst zunächst unter die Arme greifen kann. Es ist so einfach. Wenn man erst einmal anfängt, Leute miteinander bekannt zu machen, merkt man schnell: bald darauf steigen immer mehr in den Kosmos der proaktiven Verknüpferinnen und Verknüpfer mit ein. Zudem macht es unglaublich viel Spaß! Ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich Personen einander vorstelle und sich diese auf Anhieb gut verstehen. Und selbstverständlich macht es mich auch ein wenig stolz, wenn ich jemandem weiterhelfen konnte.

Amanda zum Beispiel ist neu in der Stadt. Ich habe sie über eine frühere Arbeitskollegin kennengelernt, wir sind zusammen in der Philharmonie gewesen. Sie hat Marketing studiert, gerade ihren Master abgeschlossen und sucht nun einen Job. Zufällig weiß ich, dass die Stelle einer Freundin von mir im Marketingbereich eines jungen Unternehmens bald frei wird, da diese ein Angebot aus dem Ausland angenommen hat. Natürlich habe ich keinen Einfluss darauf, ob Amanda am Ende in einem Vorstellungsgespräch tatsächlich überzeugt. Allerdings habe ich sie als ähnlich zielstrebig, forsch und meinungsstark erlebt wie meine Freundin, finde, dass sie sich in ihren Profilen ähneln und kann sie zumindest einmal vorschlagen. Ich frage via WhatsApp nach, ob die Stelle bereits besetzt ist und bekomme die Antwort, Amanda könne gerne vorbeikommen.

Eine andere Freundin von mir, Mireia, hat kürzlich ihren Job in einem Architekturbüro verloren. Ihr kann ich leider keine Bekannte empfehlen, bei der sie vorbeischauen könnte. Stattdessen erzähle ich ihr jedoch von einem Artikel, den ich einige Zeit zuvor gelesen hatte. Es ging um Tiny Houses und ein Projektdorf, das neu entstehen sollte. Ich suchte den Artikel aus meinem Browserverlauf und schickte ihr die Adresse der Webseite zusammen mit der Ermutigung: „Mireia, schreib’ denen doch mal eine E-Mail! Die können von den Fördergeldern bestimmt nicht viel zahlen, aber das Projekt klingt wirklich spannend – Versuch’s!“

Eine wahnsinnig kleine Geste, könnte man meinen. Genau wie die Vermittlung einer Nachbarin an eine alte Schulfreundin, die verzweifelt eine Krankenpflege für ihre Mutter suchte. Besagte Nachbarin hatte – nicht einmal mir selbst, sondern meiner Schwester gegenüber – erwähnt, dass sie bald ihre Ausbildung zur Kranken- und Altenpflege abgeschlossen haben würde. Ich rief sie einige Tage darauf an und fragte sie scherzhaft, ob sie sich nicht gleich selbstständig machen wollen würde. Abgeneigt war sie nicht.

Tatsächlich gibt es auch professionell organisierte Netzwerke für Frauen

Sich gegenseitig zu unterstützen wird in Deutschland durchaus auch professionell organisiert. Es gibt nicht nur berufsübergreifende Vereine, Netzwerke und Organisationen, sondern auch Zusammenschlüsse einzelner Berufsgruppen. Das männliche Geschlecht hat die Netzwerkpflege und Verbrüderung schon seit Langem für sich entdeckt.

 Im Gegensatz dazu ist Networking unter Frauen noch immer nicht so verbreitet wie die seit jeher existierenden, alteingesessenen Männerwirtschaften und -clubs. Einstiegsbarrieren scheinen bei den meisten Netzwerken und Vereinen für Frauen auf den ersten Blick gar nicht so niedrig zu sein. Wäre es da nicht eventuell sinnvoll, diese etwas abzusenken, damit Networking unter den weiblichen Mitgliedern unserer Gesellschaft selbstverständlicher wird und sich genauso etabliert wie unter Männern?

Zunächst springen einem nämlich Mitgliedschaftsgebühren, Preise für einzelne Veranstaltungen und veraltete Webseiten ins Auge. Hinzu kommen eine erschwerte Kontaktaufnahme und notwendige elitäre Empfehlungsschreiben, die ein erstes Vorbeischauen und Kennenlernen erschweren. Doch nicht alle Netzwerke sind vom 21. Jahrhundert überholt worden. Nach einer ausführlichen Suche findet man sie, die Guten.

Die Recherche lohnt sich

In Köln beispielsweise fand ich kürzlich den noch relativ jungen Verein „And she was like: BÄM!“, deren Mitglieder unter anderem kritisieren, dass auf all die selbstständigen Designer in Deutschland kaum selbstständige Designerinnen kommen. Um den Gründen auf die Spur zu kommen, organisieren sie nun Stammtische, Abendschulen und Talks für Gründerinnen aus Kunst und Design. Die Veranstaltungen sind jedoch vielfältig und offen für alle, Mitgliedschaft und Eintrittspreise sind ebenfalls sehr moderat und vor allem unter dem Aspekt der Neugründung mehr als berechtigt.

Ein weiteres, relativ neues Netzwerk ist „PANDA“. Dieses bietet „eine Austauschplattform und Impulse für [die] persönliche Entwicklung. Es bringt sie mit Unternehmen, Jobs und Möglichkeiten zusammen. PANDA will Europas größtes und stärkstes Netzwerk für Führungsfrauen werden.“ Um hier Mitglied zu werden, muss man sich ganz offiziell bewerben und mitunter einige Unterlagen einreichen. Dafür werden nicht nur in einer Stadt Veranstaltungen organisiert, sondern gleich in mehreren. Zurzeit kann man bereits regelmäßig an Events in Berlin, Frankfurt und München teilnehmen. Besonders ist eben auch gerade der Fokus auf der Förderung von Frauen in Führungspositionen.

Bei „Digital Media Women“ findet man, wie der Name schon vermuten lässt, Frauen aus dem Medienbereich. Aber auch hier ist die Definition nicht zu eng geschnürt. Ihr Ziel: „Wir wollen in einer Welt arbeiten, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben und Einfluss nehmen.“

Eine Organisation, die etwas mehr Selbstinitiative erfordert ist „Lean In“. Diese betreibt eine Online-Plattform, auf der man sogenannte Circles findet. Kleine oder auch größere, selbstorganisierte Kreise, in denen gemeinsamen Interessen und Zielen nachgegangen wird. Besonders ist, dass man tatsächlich einfach selbst in seiner Stadt einen Kreis gründen und loslegen kann. Voraussetzung ist nur, dass man eben auch die Verantwortung übernimmt und mehr oder weniger regelmäßig Treffen organisiert.

Einem bestehenden und wachsenden Netzwerk beizutreten, kann einem unglaublich viel Fleißarbeit abnehmen. Amanda und Mireia haben den Job zwar beide bekommen, innerhalb eines der Netzwerke wäre es aber sicher einfacher gewesen.

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