Inspiration, Interview

Andere Länder, andere Dresscodes?

Bereits zwischen Unternehmen oder Branchen unterscheiden sich Dresscodes erheblich… Überschreitet man allerdings erst eine Landesgrenze, kann es passieren, dass sich Stil und Schärfe der Kleidungsrichtlinien gänzlich ändern. Wir wollten genauer wissen, wer sich wo und wie morgens anzieht und haben diesen wunderschönen August deshalb für eine ausgiebige Recherche genutzt. Wer mag noch einen Blick in die kühlen oder weniger kühlen Büros außerhalb Deutschlands werfen? Es lohnt sich!

Ein Tag bei Soumya in Barcelona

Soumya ist seit knapp zwei Jahren Anwältin für Handelsrecht in einer spanisch-holländischen Kanzlei in Barcelona. Die Fälle bearbeitet sie daher nicht nur vor Ort, sondern international – auch in ihrer Heimat, den Niederlanden. In ihrem Arbeitsalltag brütet sie über diversen, multinationalen Angelegenheiten in verschiedenen Sprachen oder trifft Klientinnen und Klienten.

Wir haben uns mittags zum Lunch verabredet. Während ich unten vor der Tür auf sie warte, rauschen bereits viele geschäftige Leute an mir vorbei. Dann kommt Soumya mit dem Telefon am Ohr die Treppe herunter. Ihr Gespräch dauert noch einige Minuten an, sodass ich die Zeit nutze und nach freien Plätzen in den umliegenden Lokalen schaue. Es ist dann mittlerweile fast 15 Uhr, als wir ein uriges mexikanisches Restaurant in der Nähe des Plaça de la Universitat betreten, in welchem noch ein kleiner Tisch für uns frei ist. Soumya ist dort offensichtlich schon bekannt und bekommt umgehend Karte und Getränk.

Über den Tisch hinweg untersuche ich genauestens ihr Outfit: sie trägt einen dunkelgrünen Bleistiftrock und dazu ein weißes Oberteil mit weiten, kurzen Ärmeln. Ich frage sie, wie denn ihr Kleiderschrank so aussähe und was sie am liebsten kombiniere.

Generell kombiniere ich ungerne zu viele starke Farben. Lieber nehme ich weiß oder schwarz dazu, damit der Fokus auf dem farbigen Kleidungsstück bleibt. Wenn ich zum Beispiel ein sehr schönes Oberteil besonders hervorheben möchte, dann trage ich dazu eine ruhigere, natürliche Farbe und andersherum genauso.

Was ich ihr nicht ganz glauben kann, ist, dass sie das mal eben so in fünf Minuten erledigt morgens.

Meistens brauche ich ungefähr eine dreiviertel Stunde, um mich fertig zu machen. Und auf jeden Fall fällt es mir leicht. Ich halte meinen Kleiderschrank immer ordentlich und strukturiert, sodass ich stets die Übersicht behalte. Das macht es sehr viel einfacher, etwas auszuwählen.

Soumya erzählt weiter über die Frauen in ihrer Familie, Schwestern und Tanten, die alle deutlich weniger Zeit brauchen als sie, um sich ein Outfit herauszusuchen. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus Marokko. Dort, sagt sie, sei sowieso alles ganz anders. In dem Rock würde sie dort wahrscheinlich eher nicht ins Büro gehen. Mich interessiert, ob sich denn nicht vielleicht andersherum traditionelle, marokkanische Elemente mit in ihren Modealltag in Barcelona einfließen lassen.

Mir macht es auf jeden Fall Spaß, Business Wear mit modischen Elementen zu kombinieren! Heute zum Beispiel habe ich mich nicht an den traditionellen Business Look gehalten, sondern für einen Bleistiftrock mit einem unauffälligen Reißverschluss an der Seite entschieden. Die Bluse hat ebenfalls einen besonderen Schnitt, vor allem die Ärmel sind interessant. So wirkt beides zusammen ein bisschen moderner. Und weil der Rock mir dann sogar immer noch ein bisschen zu traditionell an mir erschien, habe ich mich für kastanienfarbene, römische Sandalen entschieden. Die sind sowohl bequem als auch sehr schick. Aber traditionelle, marokkanische Kleidung trage ich tatsächlich nur in Marokko oder in der Moschee.

Dann bekommen wir unser Essen – vegetarische Quesadillas – und sprechen erst einmal nicht weiter über Kleidung. Lieber halte ich noch schnell mit der Kamera fest, wie Soumya mit dem Restaurantinhaber die Bestellung ihrer Nachspeise diskutiert.

Anschließend möchte ich aber von ihr wissen, wie formal denn ihr Dresscode überhaupt aussieht und ob sie sich ab und an mit ihren Outfits auch an den Vorgesetzten oder Kolleginnen orientiert.

Das hängt für mich wirklich sehr vom Tag ab. Dabei ist ein ausschlaggebender Faktor, ob an dem Tag Klienten in die Kanzlei kommen, oder auch einfach, wie ich mich fühle. Es gefällt mir, meine Stimmung mithilfe meiner Kleidung auszudrücken. Normalerweise können meine Kolleginnen und Kollegen anhand meines Outfits sagen, wie es mir geht. Je mehr ich mich casual und komfortabel kleide, desto mehr signalisiert das den anderen: „Lasst mich besser in Ruhe“ oder auch „Mir ist egal, was ihr denkt“.

Nach dieser Aussage frage ich mich, wie der Anteil an Männern und Frauen in der Kanzlei wohl aussehen mag.

In unserer Kanzlei arbeiten sogar mehr Frauen als Männer. Die beiden Partner und ein weiterer Anwalt sind Männer, aber alle anderen sind Frauen. Mein Chef hat einmal zu mir gesagt, er würde lieber Frauen als Männer einstellen, weil sie zielstrebiger seien.

 Erstaunlich, das sehen nicht alle Chefs so. Soumya scheint meine Verwunderung zu bemerken und erklärt:

In den Niederlanden beginnen einige Unternehmen, den Gedanken und die Intention einer Frauenquote umzusetzen. Aber nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Herkunft wird dabei berücksichtigt. Ziel ist es, die tatsächliche Gesellschaft so auch in den Unternehmen abzudecken. Das ist keine Auflage der Regierung oder etwas in der Art, doch es passiert etwas! Ich finde das gut!

 Ihre Mittagspause ist dann leider vorbei und wir gehen langsam zu dem Bürogebäude der Kanzlei zurück. Ein paar Fotos darf ich noch machen, dann hat sie den nächsten Termin. Ein bisschen habe ich mich in ihr Outfit verliebt. Es wirkt so schick und durch die Schuhe trotzdem bequem. Zu einer letzten Frage lasse ich mich noch hinreißen. Ob sie sich zuhause nach der Arbeit sofort umziehe, frage ich schnell.

Ja. Zuhause ziehe ich mir zunächst erstmal etwas anderes an. Auch privat nehme ich mir gerne Zeit für die Auswahl meiner Outfits. Außerdem macht es mir Spaß, passende Dinge zusammenzustellen. So habe ich zweimal am Tag die Chance dazu. Zudem ist es in Barcelona tatsächlich ganz angenehm, nachmittags dann doch zu einer kürzeren Hose zu greifen.

 Wir verabschieden uns, da Soumya die nächste Klientin trifft. Aber der Eindruck, den sie vermittelt hat, wird mir nachhaltig in Erinnerung bleiben: Eine junge Anwältin, die ihr Selbstbewusstsein und ihr Gefühl in einem männerdominierten Beruf durchsetzt und das in ihrer äußeren Erscheinung unterstreicht.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.